M'illumino d'immenso [Guiseppe Ungaretti]
(Susann Wintsch)

Ein unscheinbares Motiv hat es Harry Jo Weilenmann besonders angetan: der Punkt - oder wie soll man das runde Farbfeld nennen, das seine Gemälde in vielfältigen Erscheinungsweisen intrigiert und dessen Möglichkeiten, ein Bild zu veranlassen, offenbar noch nicht erschöpfend aufgespürt worden sind?

Die Leinwand ist mit einem kreidig-matten Weinrot überzogen, gleichmässig und makellos, unter Vermeidung jeglicher Pinselspuren, als handle es sich um eine Wand. Darauf sind Punkte in glänzenden Ölfarben gemalt. Dem Titel zufolge sind es vielleicht Mikroben - Kleinstlebewesen, die da mikroskopisch vergrössert in einem roten Läufer leben? Ihre vielfarbige Erscheinung gleicht aber ebenso den bunten Murmeln, deren innere Struktur aus der Kristallisation flüssigen Glases resultiert; weiter erinnert sie etwa auch an rotierende Planeten, deren Oberfläche unseren langsamen Augen in verwischten Streifen erscheint. Bei dieser Vorstellung scheinen die Punkte plötzlich nicht mehr auf einer Fläche zu lagern, sondern in einem immateriellen Raum von rotem Licht zu schweben, und während die kleinen Monde offenbar unendlich entfernt sind, wirken die grossen greifbar nah. Wie aber, wenn die Punkte Gucklöcher in der opaken roten Fläche bezeichneten, durch die man Ausblick auf ein vielfarbige Textur hat - welche wiederum die Frage aufwirft, ob sie Fläche oder unabschätzbarer Raum sei?

Wie auf einem Vexierbild verändern die Punkte durch die spezifische Konnotierung, in denen sich unsere Gedanken gerade gefallen, die Wahrnehmung des roten Bildgrundes, der ihren Bezugspunkt darstellt. Insofern, als die Punkte unsere Aufmerksamkeit einzufangen und z.B. auf eine rote Fläche zu lenken vermögen, erinnern sie an den Begriff des "Punktums" in Roland Barthes' berühmtem Text "Die helle Kammer". Barthes bezeichnete damit ein bestimmtes, ein eigenartiges, ja rätselhaftes Detail auf einer Fotografie, das für die Bildaussage möglicherweise sekundär, für unser Interesse aber zentral sei, da es unseren Blick, obschon wir das Motiv nun kennen, immer wieder magisch anzieht. In Harry Jo Weilenmanns Bildserie Mikroben ist das Bildmotiv nun so radikal auf das Punktum fokussiert, dass dieses sich gleichsam als Inhalt breit macht.

Auf diese Weise sind diese Gemälde unaufhörlich Anlass einer Denkbewegung, die um die vielfältigen Möglichkeiten kreist, die rätselhaften Punkte zu kontextualisieren. Die Möglichkeiten scheinen noch längst nicht alle erkundet zu sein. Je nach der Umgebung, in welche die Punkte gesetzt sind, je nachdem, ob sie unifarben sind oder bunt, ob sie in die Umgebung zu fliessen scheinen oder ob sich ihre Konturen scharf vom Hintergrund abgrenzen, ob sie sich zusammenballen oder einzeln auftreten und dabei etwa auch unterschiedliche Grössen oder Charakterisierungen aufweisen, – jeder neue Bildtypus eröffnet (nebst allerhand Möglichkeiten, die man vor anderen Bilder gemacht hat) bisher verborgene Sichtweisen auf eine Anzahl von Punkten in einem Bildfeld. Dass weiterhin unzählige Möglichkeiten in Harry Jo Weilenmanns Vorgehen stecken, Bilder mit anderen Bildern zu durchsetzen, könnte man vor dem Gemälde 01-640 erahnen: Anstelle von Punkten sind es mit einem Mal vielfarbige rechteckige Formen, die vor einem Himmelsfeld herumzuwirbeln scheinen. Sie erwecken den Eindruck von Splittern oder Papierschnipseln. Plötzlich scheinen die „Mikroben“ eine Geschichte zu haben, einst ein Ganzes gewesen zu sein, für dessen Dekonstruktion wir die Gründe zwar nicht kennen. Doch können wir uns da einige denken...

Susann Wintsch, Zürich im Oktober 2001
Pressetext anlässlich der Ausstellung in der
Galerie Susi Landolf, Opfikon ZH
27.10. - 30.11.2001